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Alle Beiträge in chronologischer Reihenfolge.

Fazit nach zwei Jahren

Liebe Freunde, liebe Unterstützerinnen, liebe Leserinnen und Leser!

Fast zwei Jahre lang haben wir uns in der Initiative „Dresden hilft Kobane“ dafür eingesetzt, den Opfern des Krieges im türkisch-syrischen Grenzgebiet zu helfen.

Wir sind nicht ans Ziel gelangt.
Warum?
Und was haben wir trotz allem erreicht?

Wir haben in vielen Aktionen rund 17.000 Euro gesammelt, um einen Rettungswagen gebraucht zu kaufen und nach Kobane beziehungsweise wenigstens bis nach Diyarbakir zu überführen. In den Wochen vor der Abfahrt im Sommer 2016 haben wir außerdem von Ärzten, Krankenhäusern und Sanitätern medizinische Hilfsmittel im Wert von rund 16.000 Euro erhalten. Die Metropolverwaltung in Diyarbakir wartete voller Hoffnung auf den Wagen und die Ausrüstung, um sie für Bedürftige einzusetzen. Die Gesundheitsverwaltung und der Zoll in Ankara ließen das jedoch nicht zu. In einer durchaus dramatischen Intervention im Oktober 2016 haben wir mit Unterstützung der deutschen Botschaft in Ankara wenigstens den Rettungswagen zurückbekommen und nach Griechenland gebracht. Dort nutzen ihn jetzt die Freiwilligen von DocMobile für ihre täglichen Einsätze für die dort gestrandeten Flüchtlinge. Unsere Ausrüstung jedoch ist wahrscheinlich im Januar 2017 vom türkischen Zoll konfisziert worden; was dann damit geschah, wissen wir nicht.

Wir haben versucht, Friedenspolitik von unten zu leisten.
Wir haben versucht, Menschen im Krisengebiet beizustehen, so daß sie gar nicht erst zu Flüchtlingen werden müssen.
Wir haben dafür von vielen Seiten Unterstützung erhalten. Allen, die uns praktisch geholfen, die gespendet oder uns beraten haben, danken wir von Herzen!

Gescheitert sind wir letztlich daran, daß die Behörden in der Türkei uns nicht als neutral wahrgenommen haben. Sie sahen in uns vielmehr die Helfershelfer von einer der Konfliktparteien im türkisch-syrischen Grenzgebiet, nämlich den Kurden. Schon der Verdacht, mit Kurden zusammenzuarbeiten, löst in der Türkei massive Abwehrreaktionen aus. Das haben wir schmerzhaft erlebt.

Allerdings hat auch die türkische Seite nichts erreicht. Sie hat eine Hilfsaktion verhindert. Aber die Konflikte in der Türkei und in den Nachbarregionen gehen weiter. Die Gewalt, die Ungerechtigkeiten, der Unfrieden, die Not – nichts davon ist besser geworden dadurch, daß die türkischen Behörden glaubten, uns in den Arm fallen zu müssen.

Wir glauben weiter daran, daß Frieden nur durch Menschlichkeit geschaffen werden kann.
Wir werden weitermachen – umsichtiger und geschickter.

Unser erster Schritt: Gut eintausend Euro sind aus der Aktion Rettungswagen an Spenden übriggeblieben. Wir setzen sie nun ein, um eine Familie in Diyarbakir zu unterstützen, die durch die jüngsten Kämpfe zwischen kurdischen Aufständischen und türkischen Spezialeinheiten obdachlos geworden sind. Wir hoffen, damit auch dem Willen unserer Spender gerecht zu werden!

Zum Abschied: Bilder von unserem Rettungswagen im Einsatz in Griechenland.
Vergeßt die Flüchtlinge dort nicht!

Antwort aus Ankara

Post aus Ankara.

Nach einem Monat traf die Anwort ein.

Nach einem Monat traf die Anwort ein.


Abdullah-bey hat geantwortet:
Antwort auf unseren Brief an Abdullah-bey vom 21.12.2016.

Antwort auf unseren Brief an Abdullah-bey vom 21.12.2016.

Was steht drin?
Der Brief enthält keine persönliche Aussage. Stattdessen hält Abdullah-bey daran fest, daß unsere medizinischen Hilfsgüter nur mit einem transitberechtigten Fahrzeug (TIR) nach offzieller Abfertigung durch den Zoll die Türkei verlassen dürften. Zu unserem Appell, zum Wohle der Flüchtlinge zusammenzuarbeiten, merkt er trocken an, daß es nicht die Aufgabe des türkischen Zolls sei, Transporte zu organisieren. Schließlich bedauert er, daß wir keine Fax-Nummer angegeben haben, so daß ihm nichts anderes übrigbleibt, als diese Antwort auf dem Postweg an uns zu schicken. Er geht davon aus, daß uns sein Brief erst nach Ablauf der Lagerfrist erreichen werde, und weist vorsorglich schon jetzt jede Verantwortung für das weitere Geschehen von sich.

Keine Frage: Diese Antwort ist enttäuschend. Abdullah-bey zuckt mit den Schultern.

Wir wissen nicht, was inzwischen mit den Hilfsgütern geschehen ist. Wir müssen sie aufgeben. Das ist bitter.

Offener Brief an Abdullah-bey

Vordergründig geht es um Vorschriften. Aber im Grunde geht es um Vertrauen. Die Zollbeamten in Ankara finden Gründe, unsere Hilfsgüter nicht herauszugeben, weil sie uns unlautere Absichten unterstellen.

Sehr geehrter Herr Abdullah-bey... Unser offener Brief an den zuständigen Zollbeamten in Ankara.

Sehr geehrter Herr Abdullah-bey… Unser offener Brief an den zuständigen Zollbeamten in Ankara.

Das liegt leider zur Zeit im Trend. An vielen Ecken unserer Welt nimmt das Mißtrauen rasant zu. Aber dadurch wird die Lage nur schlimmer. Die Spirale des Mißtrauens dreht sich immer schneller. Gewalt wird immer öfter zum einzig noch denkbaren Mittel.

Das muß aufhören!
Wir wollen ein Zeichen setzen gegen die Spirale des Mißtrauens.

Deshalb haben wir einen Brief an den Zollbeamten in Ankara verfaßt und ihn ins Türkische übersetzen lassen. Anstatt zu schimpfen, erklären wir noch einmal unsere Geschichte. Und wir
bitten ihn um Hilfe.

Laßt uns einen Weg finden, um zusammenzuarbeiten.
Das ist unser Appell.

Wer diesen Appell unterstützen möchte, kann das hier tun:
https://www.openpetition.de/petition/online/geben-sie-die-hilfsgueter-fuer-fluechtlinge-in-griechenland-frei

Es gibt auch eine Papierversion des Appells samt vorbereiteter Unterschriftenliste als pdf zum Herunterladen.

Unseren Original-Brief gibt es auf Deutsch, auf Türkisch und auf Englisch als pdf zum Nachlesen.

Auf dem Weg zur Post: Die Erstunterzeichner Verena Schneider, Anja Osiander, Fettah Cetin und Angela Finsterbusch am 21.12.2016 (v.l.).

Auf dem Weg zur Post: Die Erstunterzeichner Verena Schneider, Anja Osiander, Fettah Cetin und Angela Finsterbusch am 21.12.2016 (v.l.).

Derweil in Griechenland: Unser Rettungswagen im Einsatz

Es hat ein bißchen gedauert, bis der Wagen umgemeldet war, und dann fehlte noch ein spezielles Kabel für die Batterie. Aber inzwischen rollt unser Rettungswagen durch Griechenland! Er bringt dringend benötigte medizinische Hilfe zu den Flüchtlingen, die in Nordgriechenland verstreut warten und warten und warten, bis die griechische und europäische Bürokratie sich vielleicht doch noch ihres Asylantrags annimmt.

Unser Rettungswagen im Fernsehen: Das ZDF berichtete am 17.12. über die Arbeit von DocMobile in Griechenland.

Unser Rettungswagen im Fernsehen: Das ZDF berichtete am 17.12. über die Arbeit von DocMobile in Griechenland.

Am 19. November berichtete DocMobile erstmals über den Rettungswagen. Am 27. November waren Bilder von einem Einsatz auf ihrer facebook-Seite zu sehen. Und am 17. Dezember konnte man unseren Rettungswagen sogar im Fernsehen bewundern: Das ZDF berichtete in der Sendung „Mona Lisa“ über die Arbeit von DocMobile in Griechenland.

DocMobile – das ist ein Netz von wunderbaren Leuten, die magisch gut zusammenarbeiten und mit wenigen Mitteln viel bewirken. Weil sie sich auf das Wesentliche konzentrieren.
DocMobile hilft nicht nur vielen Menschen auf der Flucht. Sie tragen auch dazu bei, daß wir uns für Europa weniger schämen müssen.

Wenn Ihr könnt, unterstützt sie darin!
http://new.docmobile.org

… oder, noch hautnäher:
https://www.facebook.com/docmobile.org/

Das Nein des Herrn Abdullah-bey

Dienstag, 13. Dezember, kurz nach 9 Uhr morgens. Kurz vor Mittag nach türkischer Zeit. Das Telefon klingelt. Gregor ist dran. Ich erwarte, daß er meldet: Wir sind raus aus dem Zoll-Lager, machen uns jetzt auf den Weg nach Thessaloniki. So hatten wir es ausgemacht.

Aber Gregors Stimme ist blaß. „Er gibt sie uns nicht. Er gibt sie nicht raus.“ Der sonst so lebhaft hupfende fränkische Zungenschlag kann sich nicht aufraffen zu einer Satzmelodie. Gregor ringt sichtlich um Fassung.

Ich dagegen reagiere ungläubig. Sicher nur ein Mißverständnis. Es war doch alles verabredet. Ruhe bewahren. Die deutsche Botschaft einschalten.

Es folgen viele Telefonate mit dem Zollamt, mit der Botschaft, mit Gregor, dem Verbindungsbeamten, dessen türkischem Assistenten. Auch ich werde hektisch, rege mich auf. Wo bleibt denn da die Logik!?

Meine Auffassung von Logik interessiert hier nicht. Es gilt das Wort des Herrn Abdullah-bey, des stellvertretenden Direktors des Zollamtes Ankara Gar. Gestern war er nicht im Büro. Da haben seine Mitarbeiter zusammen mit Gregor und dem türkischen Assistenten aus der deutschen Botschaft schon alles vorbereitet. Gregor hat die Strafgebühr für das Überschreiten der Lagergebühr bezahlt und sich ein Loch in die Seitenwand des Transporters bohren lassen, um eine Plombe anbringen zu können. Alles klar, so schien es, als man sich bei Amtsschluß verabschiedete, um den Vorgang am folgenden Morgen abzuschließen.

Aber an diesem folgenden Morgen ist Herr Abdullah-bey da. Und er spricht: Nur eine Spedition, also ein Unternehmen mit Transitlizenz, darf unsere Hilfsgüter aus der Türkei ausführen. Ende der Debatte.

Es bleibt mir nur, Gregor gut zuzureden. Er kann nichts weiter tun; er soll sehen, daß er heil zurückkommt nach Thessaloniki. Seine Fahrt hat trotz allem etwas gebracht: Es ist jetzt offensichtlich, daß der türkische Zoll unsere Hilfsgüter nicht freigeben *will*. Und wir bekommen noch einmal eine Galgenfrist: Durch Gregors Zahlung verlängert sich die Lagerfrist bis zum 11. Januar.

Aber was soll sich bis dahin ändern am Nein des Herrn Abdullah-bey?

Hilfe aus Wien – Mission Teil 3 – Nervenkrieg

Es hat funktioniert! Unser „letzter Aufruf“ hat weite Verbreitung gefunden – vor allem über die facebook-Seite von Banda Internationale und über das Netzwerk von DocMobile. Binnen weniger Tage trudeln mehrere Hilfsangebote ein.

Wieder wird viel telefoniert und werden emails ausgetauscht, hin und her, her und hin. Schließlich kristallisieren sich drei ernsthafte Möglichkeiten heraus:

  • Ein deutscher Journalist auf Familienbesuch bei der türkischen Verwandtschaft will sich unter Aktivisten in der Türkei umhören und Autovermietungen fragen.
  • Ein Spediteur, Arzt und Aktivist aus Hannover plant sowieso eine Hilfsfahrt nach Griechenland. Er bietet an, einen Schlenker über Ankara zum machen.
  • Aus Wien meldet sich Wolfgang von der IHA – Intereuropean Humanitarian Aid Association. Die Organisation ist erst in diesem Jahr entstanden, aus spontanen Hilfsaktionen in Idomeni. Inzwischen helfen sie den Flüchtlingen vor allem in Griechenland auf regelmäßiger Basis. Dafür haben sie einen Transporter. Der ist in Thessaloniki stationiert; man könnte ihn für ein paar Tage entbehren.

Bald ist klar: Aus drei wird eins. Die Autovermietungen in der Türkei vermieten keine Transporter grenzüberschreitend, denn in die Türkei dürfen keine Gebrauchtwagen eingeführt werden; die Grenzkontrollen für solche Fahrzeuge sind praktisch unüberwindlich streng. Der Spediteur/Aktivist/Arzt weiß noch nicht genau, wann er losfahren kann; er kann die weite Strecke auch nicht gratis fahren. Aber Wien steht. Und einen Fahrer gibt’s auch. Gregor war schon bei der Rettung des Rettungswagens dabei. Er hat für uns den Kontakt zu DocMobile hergestellt, und er hat auch gute Kontakte zur IHA.

Damit läuft der dritte Teil unserer Mission Rettungswagen an. Teil 1 war die Fahrt mit dem Rettungswagen bis nach Ankara mit Besuch in Diyarbakir und Kobane; Teil 2 war die Rettung des Rettungswagens. Zehn Wochen nach dem Start des Rettungswagens aus Dresden, am 16. November, fünf Tage vor Ablauf der Lagerfrist, sitzt Gregor im Flugzeug nach Thessaloniki. Am nächsten Tag will er mit dem Transporter aufbrechen nach Ankara, um unsere Hilfsgüter abzuholen und nach Griechenland zu DocMobile zu bringen. Die Zeit ist knapp, sollte aber reichen.

Nur: Gregor fährt nicht. Denn das Problem mit der Bescheinigung über die Rückgabe unserer Spende ist noch nicht gelöst. Das Zollamt in Ankara bleibt hart. Ich verliere die Nerven. Der Verbindungsbeamte der deutschen Botschaft verliert sie nicht. Er findet einen Ausweg. Wir machen den Nachfolger unseres suspendierten Ansprechpartners in Diyarbakir ausfindig. Die deutsche Botschaft ruft ihn an und vereinbart, daß das Schreiben neu verfaßt wird.

Gleichzeitig signalisiert das Zollamt in Ankara Entgegenkommen: Die Lagerfrist darf auch überschritten werden. Unsere Hilfsgüter werden bis auf Weiteres nicht konfisziert. Wir müssen dafür eine zusätzliche Gebühr zahlen, aber das nehmen wir gerne in Kauf.

Dann heißt es warten. Und warten. Wieder tickt die Uhr. Gregor kann seinen Aufenthalt in Thessaloniki nicht mehr sehr lange ausdehnen. Schließlich frage ich bei der deutschen Botschaft nach, und die fragen in Diyarbakir nach. Ja, heißt es dort. Das gewünschte Schreiben ist schon am 30. November an das Zollamt in Ankara geschickt worden. Selbstverständlich schickt man gerne auch eine Kopie per Fax an die deutsche Botschaft.

Jetzt gibt es kein Halten mehr. Abmarsch, Gregor! Am 12. Dezember wird er sich um 9 Uhr morgens mit dem türkischen Assistenten des Zollverbindungsbeamten der deutschen Botschaft an einer Tankstelle in Ankara treffen. Gemeinsam werden sie zum Zollamt fahren. Alles Weitere sollte eine Formsache sein. Endlich kommt unsere Odyssee zu einem guten Ende!

Letzter Aufruf

Die rettende Verbindung: Banda internationale verbreitet unseren Aufruf über ihre facebook-Seite.

Die rettende Verbindung: Banda internationale verbreitet unseren Aufruf über ihre facebook-Seite.

Hier der vollständige Text:

Liebe Freunde,
heute habe ich eine sehr ungewöhnliche Bitte:
Kennt Ihr jemanden, der einen Mercedes Sprinter zur Verfügung hat und ihn für eine humanitäre Rettungsaktion zur Verfügung stellen würde?
Es geht darum, nach Ankara zu fahren, dort medizinische Hilfsgüter einzuladen und sie nach Griechenland zu bringen.
Und zwar in der kommenden Woche (spätestens am 21. November müßte man in Ankara sein).

Der Hintergrund:
Im Rahmen der Aktion „Dresden hilft Kobane“ hatten wir Sachspenden (Geräte und Verbrauchsmaterial) im Wert von 16.000 Euro gesammelt, um sie in das türkisch-syrische Grenzgebiet zu bringen. Ziel war es, die Spenden an die Verwaltung von Diyarbakir zu übergeben. Der türkische Zoll hat das jedoch verweigert. Deshalb sollen die Sachen jetzt nach Nordgriechenland zu der Organisation DocMobile gebracht werden, um damit Flüchtlinge zu versorgen, die nach der Schließung der Balkanroute dort gestrandet sind.

Soweit die dürren Fakten. Dramatisch wird das Ganze dadurch,

  • daß der türkische Zoll damit droht, die Hilfsgüter zu vernichten, falls die Lagerfrist überschritten wird;
  • daß es sich als (für uns) unmöglich erwiesen hat, eine Spedition in der Türkei zu finden, die bereit ist, in diesem Fall tätig zu werden;
  • daß die Lage der Flüchtlinge in Griechenland viel schlechter ist, als in Deutschland bekannt, obwohl sie in offiziellen Camps leben; es gibt nicht genug zu essen, kaum Sanitäranlagen und keinen Schutz vor der Winterkälte; viele Camps bestehen aus Zeltlagern in leerstehenden Fabrikhallen; es gibt keine medizinische Versorgung;
  • daß DocMobile – Medical Help wirklich Wunder vollbringt durch die Zusammenarbeit einer Handvoll stiller Helden aus Norddeutschland; einen Eindruck davon vermittelt deren facebook-Seite (https://www.facebook.com/docmobile.org/).

Unterstützend kann gesagt werden:

  • In Ankara steht der Zollbeauftragte der deutschen Botschaft als einflußreicher und engagierter Ansprechpartner bereit.
  • In Griechenland wartet der charismatische Ioannis (im früheren Leben Zollbeamter in Hamburg und passionierter Musiker, seit acht Jahren Anwohner des Berg Athos), um die Lieferung für DocMobile in Empfang zu nehmen und die Retter in seinem wunderschönen Haus in Ouranoupoli das Elend der Welt relativieren zu lassen.
  • Es stehen noch 1.500 Euro Spendengelder bereit, um die Rettungsaktion auch finanziell zu ermöglichen.

Also nochmal:
Die Anfrage ist wild, aber nicht unmöglich.
Wer kann helfen?
Wer kennt jemanden, der jemanden kennt, der…?
Rückmeldungen bitte so rasch wie möglich!

Die Hoffnung schwindet

Die Uhr tickt. Am 21. November läuft die Frist für die Lagerung unserer medizinischen Ausrüstung im Zollamt Ankara Gar ab. Noch immer haben wir keine Spedition gefunden, die es übernehmen möchte, die Hilfsgüter nach Griechenland zu bringen. Lange Listen mit Adressen, viel telefoniert, immer wieder emails geschickt. In Deutschland. In der Türkei. In Griechenland. Ohne Erfolg.

Es liegt nicht am Geld. Viele Unternehmen rufen gar nicht erst zurück, wenn die Stichworte „Diyarbakir“ und „türkischer Zoll“ fallen. Niemand will Scherereien. Niemand will ins Visier der Behörden geraten.

Es ist unheimlich. Unwirklich. Es kann doch nicht wahr sein!

Immerhin: Der Zollverbindungsbeamte der deutschen Botschaft läßt nicht locker. Er war noch einmal persönlich im Zollamt. Und er hat eine Auskunft bekommen, die uns wieder hoffen läßt: Es muß gar keine Spedition sein, die unsere Ausrüstung abholt. Es kann jeder kommen. Hauptsache, die Papiere stimmen. Damit ist gemeint, daß ordnungsgemäß belegt ist, daß das Gesundheitsamt in Diyarbakir unsere Spende an uns zurückgibt.

Eigentlich sei dieser Punkt schon geklärt. So dachten wir. Immerhin hat das Gesundheitsamt am 18. Oktober ein entsprechendes Schreibn an das Zollamt in Ankara gesandt. Den Text, so versichert der zuständige Beamte uns, habe er am Telefon Wort für Wort mit den Kollegen in der Hauptstadt abgesprochen. Aber als das Schreiben in Ankara eintrifft, bewerten es die Zollbeamten anders.

Unser Ansprechpartner in Diyarbakir kann aber auch keine Formulierungen mehr ändern. Denn er ist inzwischen vom Dienst suspendiert. Wegen Terror-Verdachts. Wie viele andere Kollegen im Rathaus in Diyarbakir auch, bis hinauf zu den beiden Bürgermeistern.

Aber um diese Sorge kümmern wir uns später. Erst einmal müssen wir überhaupt eine Transportmöglichkeit organisieren. Wir brauchen einen Transporter samt Fahrer! Und zwar schnell!

Das Schreiben aus Diyarbakir vom 18. Oktober über die Rückgabe unserer Spende genügt dem türkischen Zoll nicht.

Das Schreiben aus Diyarbakir vom 18. Oktober über die Rückgabe unserer Spende genügt dem türkischen Zoll nicht.

Geschafft: Rettungswagen in Griechenland

Geschafft.
Unser Rettungswagen ist frei.
Er ist jetzt bei DocMobile in Griechenland.

Das waren vier Tage in meinem Leben, die ich nicht so schnell vergessen werde.

Die Etappen: Pauschalflug nach Antalya – Nachtbus nach Ankara – ein Tag Verhandlungen im Zollamt; erfolglos – Übernachten im Gästehaus des türkischen Gewerkschaftsbundes – zweiter Tag im Zollamt; zwei Glücksfälle; der Rettungswagen kommt frei – 1.000 km Fahrt bis auf die Halbinsel Chalkidiki in Griechenland; vom Bosporus nur ein flüchtiger Blick aus dem Seitenfenster; schon im Dunkeln über die grandios angestrahlte Hängebrücke von Istanbul; Richtung Griechenland wird die Straße immer schlechter; skurrile Szenen am Grenzübergang um drei Uhr früh; und dann ohne Pause weiter durch die Nacht, bis im Morgengrauen der Berg Athos grüßt – Erholung mit Organisation der Rückreise und Bericht nach Dresden für die Öffentlichkeitsarbeit – anderntags Griechenland für Eilige: 500 km mit dem Mietwagen von Thessaloniki nach Athen, um den Flieger nach Berlin-Schönefeld zu erwischen.

Was mich aber viel tiefer beeindruckt, ja verstört, das sind die Straßenszenen in Antalya und Ankara. Boomtowns mit Glitzerpalästen und Prachtstraßen – ohne Bewohner. Überall hängen riesige Nationalflaggen – wer kann’s noch größer. Ein Bilderstreit um Atatürk – mal mit Gebetskranz, mal mit weißer Nelke; jedes Detail symbolisch aufgeladen. Die Menschen aber wie unter Strom, hastig, geduckt.

Griechenland dagegen wie bleiern. Die Autobahn leer – niemand kann sich die Mautgebühren leisten. Cafés ohne Kaffee – die Espressomaschinen bleiben ausgeschaltet, um Strom zu sparen. Immerhin, hier liegt keine Angst in der Luft. Immerhin, hier spricht der Zöllner fließend Deutsch. Immerhin, hier spricht die Grenzpolizei Englisch; die Beamten hören sich unsere Geschichte an, respektieren uns, glauben uns und lassen uns weiterfahren. So einfach kann das sein.

Und dann die Menschen von DocMobile. Soviel Gleichmut, soviel zupackende Menschlichkeit, soviel Großherzigkeit sind wie eine warme, erlösende Dusche nach der Anspannung von Ankara. Man möchte, daß sie nie aufhört. Ioannis und Jana öffnen ihr Haus für uns, wie sie es schon seit Monaten für eine junge kurdische Mutter tun, die mit zwei kleinen Kindern auf die Familienzusammenführung mit ihrem Mann in Deutschland wartet und wartet und wartet.

Draußen glitzert die Ägais wie im Bilderbuch. Drinnen türmt sich medizinische Ausrüstung, in der Küche und in einem Abstellraum; Fachausdrücke fliegen durch die Luft; es wird improvisiert und gebastelt. Im Wohnzimmer steht der alte Rechner von Ioannis – die Schaltzentrale von DocMobile.

Hier wird unser Rettungswagen nun gute Dienste tun. Und die Ausrüstung holen wir bald nach. Der Verlauf des zweiten Tages im Zollamt in Ankara läßt uns darauf hoffen. Nachdem ein Zollagent als Vermittler und Dolmetscher gefunden war und mit Hilfe der stillen Autorität des an diesem Tag eigens hinzugekommenen Verbindungsbeamten für Zollangelegenheiten aus der deutschen Botschaft dauerte es nämlich auf einmal nur 15 Minuten, um „den Prozeß in Gang zu setzen“, sprich: das Formular vorzubereiten, mit dem ich die Herausgabe des Rettungswagens beantragen konnte. Am Vortag dagegen hatten unsere kurdischen Freunde vergeblich Zimmer um Zimmer im Zollamt abgeklappert und versucht, jemanden zu finden, der ihnen sagte, wie „der Prozeß in Gang zu setzen“ sei. Nun denn, Bürokratie ist auf der ganzen Welt eine Sache für sich, nicht wahr?

Impressionen (bitte anklicken für eine größere Darstellung; vielen Dank an Gregor B. für die eindrucksvollen Bilder!):