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Fazit nach zwei Jahren

Liebe Freunde, liebe Unterstützerinnen, liebe Leserinnen und Leser!

Fast zwei Jahre lang haben wir uns in der Initiative „Dresden hilft Kobane“ dafür eingesetzt, den Opfern des Krieges im türkisch-syrischen Grenzgebiet zu helfen.

Wir sind nicht ans Ziel gelangt.
Warum?
Und was haben wir trotz allem erreicht?

Wir haben in vielen Aktionen rund 17.000 Euro gesammelt, um einen Rettungswagen gebraucht zu kaufen und nach Kobane beziehungsweise wenigstens bis nach Diyarbakir zu überführen. In den Wochen vor der Abfahrt im Sommer 2016 haben wir außerdem von Ärzten, Krankenhäusern und Sanitätern medizinische Hilfsmittel im Wert von rund 16.000 Euro erhalten. Die Metropolverwaltung in Diyarbakir wartete voller Hoffnung auf den Wagen und die Ausrüstung, um sie für Bedürftige einzusetzen. Die Gesundheitsverwaltung und der Zoll in Ankara ließen das jedoch nicht zu. In einer durchaus dramatischen Intervention im Oktober 2016 haben wir mit Unterstützung der deutschen Botschaft in Ankara wenigstens den Rettungswagen zurückbekommen und nach Griechenland gebracht. Dort nutzen ihn jetzt die Freiwilligen von DocMobile für ihre täglichen Einsätze für die dort gestrandeten Flüchtlinge. Unsere Ausrüstung jedoch ist wahrscheinlich im Januar 2017 vom türkischen Zoll konfisziert worden; was dann damit geschah, wissen wir nicht.

Wir haben versucht, Friedenspolitik von unten zu leisten.
Wir haben versucht, Menschen im Krisengebiet beizustehen, so daß sie gar nicht erst zu Flüchtlingen werden müssen.
Wir haben dafür von vielen Seiten Unterstützung erhalten. Allen, die uns praktisch geholfen, die gespendet oder uns beraten haben, danken wir von Herzen!

Gescheitert sind wir letztlich daran, daß die Behörden in der Türkei uns nicht als neutral wahrgenommen haben. Sie sahen in uns vielmehr die Helfershelfer von einer der Konfliktparteien im türkisch-syrischen Grenzgebiet, nämlich den Kurden. Schon der Verdacht, mit Kurden zusammenzuarbeiten, löst in der Türkei massive Abwehrreaktionen aus. Das haben wir schmerzhaft erlebt.

Allerdings hat auch die türkische Seite nichts erreicht. Sie hat eine Hilfsaktion verhindert. Aber die Konflikte in der Türkei und in den Nachbarregionen gehen weiter. Die Gewalt, die Ungerechtigkeiten, der Unfrieden, die Not – nichts davon ist besser geworden dadurch, daß die türkischen Behörden glaubten, uns in den Arm fallen zu müssen.

Wir glauben weiter daran, daß Frieden nur durch Menschlichkeit geschaffen werden kann.
Wir werden weitermachen – umsichtiger und geschickter.

Unser erster Schritt: Gut eintausend Euro sind aus der Aktion Rettungswagen an Spenden übriggeblieben. Wir setzen sie nun ein, um eine Familie in Diyarbakir zu unterstützen, die durch die jüngsten Kämpfe zwischen kurdischen Aufständischen und türkischen Spezialeinheiten obdachlos geworden sind. Wir hoffen, damit auch dem Willen unserer Spender gerecht zu werden!

Zum Abschied: Bilder von unserem Rettungswagen im Einsatz in Griechenland.
Vergeßt die Flüchtlinge dort nicht!

Geschafft: Rettungswagen in Griechenland

Geschafft.
Unser Rettungswagen ist frei.
Er ist jetzt bei DocMobile in Griechenland.

Das waren vier Tage in meinem Leben, die ich nicht so schnell vergessen werde.

Die Etappen: Pauschalflug nach Antalya – Nachtbus nach Ankara – ein Tag Verhandlungen im Zollamt; erfolglos – Übernachten im Gästehaus des türkischen Gewerkschaftsbundes – zweiter Tag im Zollamt; zwei Glücksfälle; der Rettungswagen kommt frei – 1.000 km Fahrt bis auf die Halbinsel Chalkidiki in Griechenland; vom Bosporus nur ein flüchtiger Blick aus dem Seitenfenster; schon im Dunkeln über die grandios angestrahlte Hängebrücke von Istanbul; Richtung Griechenland wird die Straße immer schlechter; skurrile Szenen am Grenzübergang um drei Uhr früh; und dann ohne Pause weiter durch die Nacht, bis im Morgengrauen der Berg Athos grüßt – Erholung mit Organisation der Rückreise und Bericht nach Dresden für die Öffentlichkeitsarbeit – anderntags Griechenland für Eilige: 500 km mit dem Mietwagen von Thessaloniki nach Athen, um den Flieger nach Berlin-Schönefeld zu erwischen.

Was mich aber viel tiefer beeindruckt, ja verstört, das sind die Straßenszenen in Antalya und Ankara. Boomtowns mit Glitzerpalästen und Prachtstraßen – ohne Bewohner. Überall hängen riesige Nationalflaggen – wer kann’s noch größer. Ein Bilderstreit um Atatürk – mal mit Gebetskranz, mal mit weißer Nelke; jedes Detail symbolisch aufgeladen. Die Menschen aber wie unter Strom, hastig, geduckt.

Griechenland dagegen wie bleiern. Die Autobahn leer – niemand kann sich die Mautgebühren leisten. Cafés ohne Kaffee – die Espressomaschinen bleiben ausgeschaltet, um Strom zu sparen. Immerhin, hier liegt keine Angst in der Luft. Immerhin, hier spricht der Zöllner fließend Deutsch. Immerhin, hier spricht die Grenzpolizei Englisch; die Beamten hören sich unsere Geschichte an, respektieren uns, glauben uns und lassen uns weiterfahren. So einfach kann das sein.

Und dann die Menschen von DocMobile. Soviel Gleichmut, soviel zupackende Menschlichkeit, soviel Großherzigkeit sind wie eine warme, erlösende Dusche nach der Anspannung von Ankara. Man möchte, daß sie nie aufhört. Ioannis und Jana öffnen ihr Haus für uns, wie sie es schon seit Monaten für eine junge kurdische Mutter tun, die mit zwei kleinen Kindern auf die Familienzusammenführung mit ihrem Mann in Deutschland wartet und wartet und wartet.

Draußen glitzert die Ägais wie im Bilderbuch. Drinnen türmt sich medizinische Ausrüstung, in der Küche und in einem Abstellraum; Fachausdrücke fliegen durch die Luft; es wird improvisiert und gebastelt. Im Wohnzimmer steht der alte Rechner von Ioannis – die Schaltzentrale von DocMobile.

Hier wird unser Rettungswagen nun gute Dienste tun. Und die Ausrüstung holen wir bald nach. Der Verlauf des zweiten Tages im Zollamt in Ankara läßt uns darauf hoffen. Nachdem ein Zollagent als Vermittler und Dolmetscher gefunden war und mit Hilfe der stillen Autorität des an diesem Tag eigens hinzugekommenen Verbindungsbeamten für Zollangelegenheiten aus der deutschen Botschaft dauerte es nämlich auf einmal nur 15 Minuten, um „den Prozeß in Gang zu setzen“, sprich: das Formular vorzubereiten, mit dem ich die Herausgabe des Rettungswagens beantragen konnte. Am Vortag dagegen hatten unsere kurdischen Freunde vergeblich Zimmer um Zimmer im Zollamt abgeklappert und versucht, jemanden zu finden, der ihnen sagte, wie „der Prozeß in Gang zu setzen“ sei. Nun denn, Bürokratie ist auf der ganzen Welt eine Sache für sich, nicht wahr?

Impressionen (bitte anklicken für eine größere Darstellung; vielen Dank an Gregor B. für die eindrucksvollen Bilder!):