Schlagwort-Archiv: Mission – Teil 1

Kobane zum Greifen nahe – Reisebericht, Teil 2

27. September. Die Crew ist zurück in Dresden. In der zweiten Woche ihrer Mission haben Achim, Fettah und Heidi Eindrücke in Diyarbakir gewonnen, das muslimische Opferfest in Fettahs Heimatdorf mitgefeiert und sich weitergewagt bis nach Kobane.

Bis hierhin und nicht weiter: Die Straße zwischen Suruc/Türkei und dem in Sichtweite liegenden Kobane auf der syrischen Seite ist gesperrt.

Bis hierhin und nicht weiter: Die Straße zwischen Suruc/Türkei und dem in Sichtweite liegenden Kobane auf der syrischen Seite ist gesperrt.

Die Eindrücke von diesem zweiten Teil der Reise sind zwiespältig.

Einerseits begeistert Diyarbakir als pulsierende Großstadt mit herrlichen historischen Bauwerken wie der vollständig erhaltenen riesigen Stadtmauer (den berühmten „schwarzen Mauern von Ahmed“) und einer prächtigen Karawanserei aus dem 18. Jahrhundert, die noch heute als Bazar dient. „Alles kurdisch!“, betont Fettah. Türken kämen in Diyarbakir nur im Milieu der Beamten vor. Die Landschaft ist herrlich. Das Leben in den Dörfern folgt bis heute dem Rhythmus der Natur und der Dynamik von eng geknüpften Gemeinschaften.

Man begreift, woraus sich der Stolz und die Tatkraft der Kurden speisen. Man begreift, wie widersinnig es ist, wenn die türkische Zentralregierung versucht, genau diese Identität zu brechen und die Kurden zu zwingen, sich einer türkisch-muslimischen Hegemonie unterzuordnen. Man begreift auch, welche Tragödie darin steckt, daß die türkisch-syrische Grenze seit Januar 2016 hermetisch abgeriegelt wird – wo doch auf beiden Seiten vor allem Kurden leben.

Das wird zum Abschluß der Reise deutlich. Die Crew möchte weiter nach Kobane. Die ansässigen Kurden sehen das als zu gefährlich an. Im Kreise der Familie von Fettah wird beraten. Schließlich steigen Achim, Heidi, Fettah und sein Bruder in das Familienauto und fahren über Urfa 250 km bis zur Grenze. Sie wagen sich sogar bis auf Sichtweite an den Grenzstreifen heran. Bleiben aber lieber nicht stehen und steigen schon gar nicht aus. Entlang der Grenze sind in dichter Folge Wachtürme aufgestellt; Schilder warnen drastisch davor, sich zu nähern. Nur ein paar Schnappschüsse aus dem fahrenden Wagen sind möglich.

Gespenstisch auch die Eindrücke von Suruc, dem Grenzort auf der türkischen Seite. Im März und noch einmal im Juni 2015 war Fettah zum letzten Mal hier gewesen. Damals platzte die kleine Stadt aus allen Nähten. In jeder Garage hatten gefühlt 50 Menschen gehaust, die hier Zuflucht vor den Kämpfen im benachbarten Kobane suchten – vor den Attacken der IS-Milizen, der Gegenwehr der YPG-Milizen und den Luftangriffen US-amerikanischer Kampfflugzeuge. Entlang der Grenze waren improvisierte Lager aus dem Boden geschossen, mit notdürftigen fliegenden Bauten, ohne Wasser, Strom, Abwasser. Viel Not, aber auch viel Leben.

Jetzt ist davon nichts mehr zu sehen. Die Stadt ist ausgestorben. Die Flüchtlinge sind weg. Viele sind nach Kobane zurückgekehrt, nachdem die Kampfhandlungen abgeflaut waren. Viele andere haben lieber ihr Heil Richtung Europa gesucht – angesichts der Zerstörung ihrer Heimat, angesichts der unabsehbaren Not und angesichts der fortgesetzten Kämpfe nicht weit von Kobane entfernt. Diejenigen aber, denen zu Weiterziehen die Kraft fehlte, haben sich internieren lassen in einer neuen offiziellen, von Stacheldraht umzäunten Zeltstadt der Behörden auf einem kahlen Feld außerhalb von Suruc.

Aber auch die Einheimischen sind weg. Die Läden sind geschlossen, kein Mensch auf der Straße. Mit der Grenzschließung ist das Leben aus Suruc gewichen.

Lest mehr im ausführlichen Reisebericht von Heidi (pdf; Teil 2 ab Seite 5).

Impressionen vom zweiten Teil der Mission:

Crew am Ziel, Wagen in Ankara

10. September 2016. Nach einer aufregenden und anstrengenden Reisewoche mit dem Rettungswagen von Dresden nach Diyarbakir ist Folgendes erreicht:

  • Die Crew ist sicher in Diyarbakir angekommen. Die letzte Etappe von Ankara aus haben sie im Flugzeug zurückgelegt.
  • Schlüssel und Papiere für den Wagen hat die Crew an den Oberbürgermeister von Diyarbakir, Herrn Firat ANLI, übergeben.
  • Der Rettungswagen samt Ausrüstung befindet sich noch in Ankara und wird derzeit vom Gesundheitsministerium zurückgehalten.
  • In dieser Woche sind in der Türkei wegen des Opferfestes alle Behörden geschlossen.

Um so weit zu kommen, sind Fettah und Achim Tag und Nacht gefahren. Sie hätten noch schneller sein können, wenn ein Fehler im Rechnersystem von Interpol sie nicht zu einer zweitägigen Zwangspause in Ungarn verurteilt hätte, weil der Reisepaß von Oma Heidi irrtümlich als gestohlen gemeldet war und erst ein Ersatzpaß bei der nächstgelegenen deutschen Auslandsvertretung besorgt werden mußte.

Etappen während der ersten Woche der Mission Rettungswagen 2016

Etappen während der ersten Woche der Mission Rettungswagen.

Die drei Crew-Mitglieder haben den Wagen keinen Moment aus den Augen gelassen. Selbst kurze Ruhepausen in der Nacht haben sie im Wagen verbracht. Die Strecke zwischen Istanbul und Ankara hat Heidi im Schneidersitz bewältigt – an einer Stelle im Wagen, wo eigentlich niemand sitzen sollte. Vor allem aber haben Fettah und Heidi verhandelt, auf Türkisch und Deutsch, mit Händen und Füßen, mit Geduld und Unbeugsamkeit, immer wieder, stundenlang. An der Schengen-Grenze. In der deutschen Botschaft in Budapest. Vor allem dann aber in der Türkei: beim Zoll in Istanbul (zehn Stunden) und mit dem Gesundheitsministerium in Ankara (bis jetzt zwei Tage).

Einen detaillierten Einblick in die Erlebnisse der Reise bis zu diesem Punkt bietet der Reisebericht von Oma Heidi (Teil1). Sie konzentriert sich auf die Fakten; gerade dadurch gerät ihr Bericht anschaulich und packend:

Mission2016_BerichtvonOmaHeidi_Teil1.pdf

Wie geht es weiter?

Das Tauziehen um die Herausgabe des Rettungswagens übernimmt jetzt die Großstadtverwaltung in Diyarbakir. Wir werden sie nach Kräften unterstützen – mit Hintergrundkontakten, mit Öffentlichkeit und, wenn es sein muß, auch mit juristischen Mitteln. Derweil nutzen Achim, Fettah und Heidi die nächsten Tage, um Diyarbakir und Umgebung zu erkunden, die Menschen dort näher kennenzulernen und mehr über die Lage im türkisch-syrischen Grenzgebiet zu erfahren.

Impressionen von der Reise
Bitte anklicken für ein größeres Bild. Die weiteren Bilder können mit dem „Zurück“-Pfeil aufgerufen werden. Zurück zum Beitrag geht es durch einen Klick auf den Menüpunkt „AKTUELL“ im Kopf der Seite.

Wir sind unterwegs!

Und dann ging es doch schneller als gedacht. Anfang letzter Woche sind wir nach Berlin gefahren, zum türkischen Generalkonsulat, in der Erwartung, auf jede Menge Vorbehalte zu stoßen. Stattdessen brauchten wir nur zu sagen: ein Rettungswagen für Diyarbakir, und alle Türen öffneten sich. Wie Simsalabim.

Der beeidigte Übersetzer schob unsere Spendenbescheinigung dazwischen und verzichtete auf Honorar. Der Beamte in der Stempelstelle des Konsulats holte den Notar aus einer Besprechung, damit er uns Rat gebe. Niemand wollte unsere Identität überprüfen oder Inhalt und Ziel der Hilfslieferung. Alle wollten nur behilflich sein. Mit jeder Menge Stempeln standen wir ohne großes Warten schon bald wieder auf der Straße. Der Weg nach Diyarbakir war frei!

Dann ging das große Packen los.
IMG_5035

IMG_5040

Insgesamt acht Umzugskartons voller medizinischer Geräte und Verbrauchsmaterialien, dazu drei größere Geräte und jede Menge Verbandsmaterial, eine aufblasbare Trage und eine Trage mit rollbarem Gestell wurden akribisch gekennzeichnet und verstaut. Einen ganzen Tag dauerte das. Schließlich noch ein Check in der Werkstatt für den Wagen, einen Navigationsrechner und einen Ersatzreifen besorgt.

Und dann war es soweit: Um halb sieben in der Früh am Sonnabend, 3. September, startete unser Rettungswagen für Kobane zu der langen Reise Richtung Diyarbakir.

An Bord sind Fettah, Achim und Oma Heidi. Fettah kennt die Strecke in seine Heimatstadt aus dem Effeff, spricht Türkisch und Kurdisch und weiß, wie man mit den Behörden in der Türkei verhandeln muß. Achim war viele Jahre als Fernfahrer in Europa unterwegs und kann alles reparieren. Heidi bringt einen unbeugsamen Optimismus mit, sorgt mit ihren 71 Jahren für „Seriösität“ und will in Diyarbakir Kontakte für weitere Projekte und für einen Austausch mit Dresden knüpfen.

Denn es bleibt dabei: Die Grenze nach Syrien ist von türkischer Seite zwar unpassierbar. Das hindert uns aber nicht, in der Region zu helfen. Von Diyarbakir aus können wir die Hilfe für geflüchtete Familien aus Kobane, die jetzt in der Türkei festsitzen, unterstützen. Wir wollen auch aber den Einheimischen helfen, die selbst Entbehrungen auf sich nehmen, um den Flüchtlingen zu helfen, und die unter dem Bürgerkrieg zwischen der türkischen Regierung und den Milizen der kurdischen Arbeiterpartei (PKK) leiden.

Wir hoffen, daß dieses Engagement auch über die Grenze ausstrahlt, und sei es symbolisch. Wir kommen nicht als Samariter, sondern wir suchen den Austausch. Wiederaufbau und Versöhnung statt Abschottung und Krieg. Das ist unser Ziel. Wenn das gelingt, leisten wir sinnvolle Außenpolitik von unten.

Reisevorbereitungen

Die Vorbereitungen für die große Fahrt des Rettungswagens für Kobane laufen auf Hochtouren:

Die Crew ist auf fünf Teilnehmer angewachsen, die jeweils besondere Fähigkeiten mitbringen. Denn es geht nicht nur darum, den Rettungswagen in die Region zu bringen, sondern auch darum, aus der Region Kontakte und Informationen über die Lage vor Ort wieder zurück nach Dresden zu bringen. Angeführt wird die Mission von Fettah Cetin, der aus Diyarbakir stammt und seit 20 Jahren Dresden zu seiner Heimat gemacht hat. Mit dabei sind eine pensionierte Lehrerin, ein zweiter Fahrer mit Mechaniker-Kenntnissen, ein Fachmann für Landwirtschaft und eine kurdische Dolmetscherin.

Wir haben bereits eine stattliche Zahl an medizinischen Geräten und Verbrauchsmaterial für die Erstversorgung und auch für den Krankenhausbetrieb als Spenden erhalten. Besonders geholfen haben uns hier die Helios-Kliniken, die in Sachsen acht Akut-Krankenhäuser und drei Spezialkliniken betreiben.

Ein wichtiges Thema bleibt die Bürokratie. Wir verhandeln mit deutschen und türkischen Behörden wegen der Zulassung des Wagens als nicht mehr aktives Rettungsfahrzeug einerseits und wegen der Einfuhr in die Türkei andererseits. Die Jagd nach den verlangten Genehmigungen ist es, die uns im Moment noch von der Abfahrt abhält.

In diesem Zusammenhang haben wir unsere Planung in einem wichtigen Punkt abgewandelt: Wir haben uns entschlossen, den Rettungswagen zunächst nur bis nach Diyarbakir zu bringen. Denn die Grenze nach Syrien ist durch die türkischen Behörden seit fünf Monaten hermetisch abgeriegelt. Weder Personen noch Fahrzeuge oder Güter dürfen passieren. Wir hatten gehofft, daß sich die Situation bis zu unserer Abreise bessern würde. Aber mehrere Hilfsorganisationen mit Erfahrungen in der Region wie auch die Regionalverwaltung in Diyarbakir bestätigen, daß es derzeit kein Durchkommen nach Syrien gibt.

Wir werden deshalb den Rettungswagen der Regionalverwaltung in Diyarbakir zur Verfügung stellen. Rund um die Stadt und in der gesamten Region leben überwiegend Kurden. Sie sind auf vielfältige Weise mit den Kurden auf der syrischen Seite der Grenze vernetzt. Der Rettungswagen kommt der Bevölkerung vor Ort zugute, aber eben auch den Zehntausenden von Flüchtlingen, die vor den Kämpfen in der Gegend von Kobane auf die türkische Seite geflohen sind und nun dort festsitzen. Mit unseren Partnern in Diyarbakir ist abgesprochen, daß das endgültige Ziel des Wagens Kobane bleibt.

Es geht uns nicht nur um den Rettungswagen an sich. Für die Menschen in der Grenzregion hat unsere Mission einen hohen symbolischen Wert. Gerade jetzt zeigen wir: Verliert nicht den Mut! Ihr werdet nicht im Stich gelassen. Deshalb reist die Crew auch mit dem Auftrag, neue Kontakte zu knüpfen und Informationen darüber zu sammeln, was zum Wiederaufbau gebraucht wird – für die Menschen in Kobane und für die Flüchtlinge auf der türkischen Seite, aber auch für alle Menschen in der Region.

Wir danken von Herzen allen, die uns in dieser aufreibenden Phase unterstützen! Dazu zählen aus der Politik unter anderem der Oberbürgermeister von Dresden Dirk Hilbert und die sächsische Staatsministerin für Gleichstellung und Integration Petra Köpping (sie begleitet unsere Initiative als Schirmherrin) sowie mit fachlichem Rat und Taten der Geschäftsführer des Helios-Herzzentrums in Leipzig Dr. Roland Bantle und Andreas Wendler vom Fahrzeug-Auktionshaus Vonau in Chemnitz. Danke!

Gespräch vor der Kreuzkirche in Dresden mit Oberbürgermeister Hilbert am 25. Juli 2016.

Gespräch vor der Kreuzkirche in Dresden mit Oberbürgermeister Hilbert am 25. Juli 2016.