Schlagwort-Archiv: Mission – Teil 3

Das Nein des Herrn Abdullah-bey

Dienstag, 13. Dezember, kurz nach 9 Uhr morgens. Kurz vor Mittag nach türkischer Zeit. Das Telefon klingelt. Gregor ist dran. Ich erwarte, daß er meldet: Wir sind raus aus dem Zoll-Lager, machen uns jetzt auf den Weg nach Thessaloniki. So hatten wir es ausgemacht.

Aber Gregors Stimme ist blaß. „Er gibt sie uns nicht. Er gibt sie nicht raus.“ Der sonst so lebhaft hupfende fränkische Zungenschlag kann sich nicht aufraffen zu einer Satzmelodie. Gregor ringt sichtlich um Fassung.

Ich dagegen reagiere ungläubig. Sicher nur ein Mißverständnis. Es war doch alles verabredet. Ruhe bewahren. Die deutsche Botschaft einschalten.

Es folgen viele Telefonate mit dem Zollamt, mit der Botschaft, mit Gregor, dem Verbindungsbeamten, dessen türkischem Assistenten. Auch ich werde hektisch, rege mich auf. Wo bleibt denn da die Logik!?

Meine Auffassung von Logik interessiert hier nicht. Es gilt das Wort des Herrn Abdullah-bey, des stellvertretenden Direktors des Zollamtes Ankara Gar. Gestern war er nicht im Büro. Da haben seine Mitarbeiter zusammen mit Gregor und dem türkischen Assistenten aus der deutschen Botschaft schon alles vorbereitet. Gregor hat die Strafgebühr für das Überschreiten der Lagergebühr bezahlt und sich ein Loch in die Seitenwand des Transporters bohren lassen, um eine Plombe anbringen zu können. Alles klar, so schien es, als man sich bei Amtsschluß verabschiedete, um den Vorgang am folgenden Morgen abzuschließen.

Aber an diesem folgenden Morgen ist Herr Abdullah-bey da. Und er spricht: Nur eine Spedition, also ein Unternehmen mit Transitlizenz, darf unsere Hilfsgüter aus der Türkei ausführen. Ende der Debatte.

Es bleibt mir nur, Gregor gut zuzureden. Er kann nichts weiter tun; er soll sehen, daß er heil zurückkommt nach Thessaloniki. Seine Fahrt hat trotz allem etwas gebracht: Es ist jetzt offensichtlich, daß der türkische Zoll unsere Hilfsgüter nicht freigeben *will*. Und wir bekommen noch einmal eine Galgenfrist: Durch Gregors Zahlung verlängert sich die Lagerfrist bis zum 11. Januar.

Aber was soll sich bis dahin ändern am Nein des Herrn Abdullah-bey?

Hilfe aus Wien – Mission Teil 3 – Nervenkrieg

Es hat funktioniert! Unser „letzter Aufruf“ hat weite Verbreitung gefunden – vor allem über die facebook-Seite von Banda Internationale und über das Netzwerk von DocMobile. Binnen weniger Tage trudeln mehrere Hilfsangebote ein.

Wieder wird viel telefoniert und werden emails ausgetauscht, hin und her, her und hin. Schließlich kristallisieren sich drei ernsthafte Möglichkeiten heraus:

  • Ein deutscher Journalist auf Familienbesuch bei der türkischen Verwandtschaft will sich unter Aktivisten in der Türkei umhören und Autovermietungen fragen.
  • Ein Spediteur, Arzt und Aktivist aus Hannover plant sowieso eine Hilfsfahrt nach Griechenland. Er bietet an, einen Schlenker über Ankara zum machen.
  • Aus Wien meldet sich Wolfgang von der IHA – Intereuropean Humanitarian Aid Association. Die Organisation ist erst in diesem Jahr entstanden, aus spontanen Hilfsaktionen in Idomeni. Inzwischen helfen sie den Flüchtlingen vor allem in Griechenland auf regelmäßiger Basis. Dafür haben sie einen Transporter. Der ist in Thessaloniki stationiert; man könnte ihn für ein paar Tage entbehren.

Bald ist klar: Aus drei wird eins. Die Autovermietungen in der Türkei vermieten keine Transporter grenzüberschreitend, denn in die Türkei dürfen keine Gebrauchtwagen eingeführt werden; die Grenzkontrollen für solche Fahrzeuge sind praktisch unüberwindlich streng. Der Spediteur/Aktivist/Arzt weiß noch nicht genau, wann er losfahren kann; er kann die weite Strecke auch nicht gratis fahren. Aber Wien steht. Und einen Fahrer gibt’s auch. Gregor war schon bei der Rettung des Rettungswagens dabei. Er hat für uns den Kontakt zu DocMobile hergestellt, und er hat auch gute Kontakte zur IHA.

Damit läuft der dritte Teil unserer Mission Rettungswagen an. Teil 1 war die Fahrt mit dem Rettungswagen bis nach Ankara mit Besuch in Diyarbakir und Kobane; Teil 2 war die Rettung des Rettungswagens. Zehn Wochen nach dem Start des Rettungswagens aus Dresden, am 16. November, fünf Tage vor Ablauf der Lagerfrist, sitzt Gregor im Flugzeug nach Thessaloniki. Am nächsten Tag will er mit dem Transporter aufbrechen nach Ankara, um unsere Hilfsgüter abzuholen und nach Griechenland zu DocMobile zu bringen. Die Zeit ist knapp, sollte aber reichen.

Nur: Gregor fährt nicht. Denn das Problem mit der Bescheinigung über die Rückgabe unserer Spende ist noch nicht gelöst. Das Zollamt in Ankara bleibt hart. Ich verliere die Nerven. Der Verbindungsbeamte der deutschen Botschaft verliert sie nicht. Er findet einen Ausweg. Wir machen den Nachfolger unseres suspendierten Ansprechpartners in Diyarbakir ausfindig. Die deutsche Botschaft ruft ihn an und vereinbart, daß das Schreiben neu verfaßt wird.

Gleichzeitig signalisiert das Zollamt in Ankara Entgegenkommen: Die Lagerfrist darf auch überschritten werden. Unsere Hilfsgüter werden bis auf Weiteres nicht konfisziert. Wir müssen dafür eine zusätzliche Gebühr zahlen, aber das nehmen wir gerne in Kauf.

Dann heißt es warten. Und warten. Wieder tickt die Uhr. Gregor kann seinen Aufenthalt in Thessaloniki nicht mehr sehr lange ausdehnen. Schließlich frage ich bei der deutschen Botschaft nach, und die fragen in Diyarbakir nach. Ja, heißt es dort. Das gewünschte Schreiben ist schon am 30. November an das Zollamt in Ankara geschickt worden. Selbstverständlich schickt man gerne auch eine Kopie per Fax an die deutsche Botschaft.

Jetzt gibt es kein Halten mehr. Abmarsch, Gregor! Am 12. Dezember wird er sich um 9 Uhr morgens mit dem türkischen Assistenten des Zollverbindungsbeamten der deutschen Botschaft an einer Tankstelle in Ankara treffen. Gemeinsam werden sie zum Zollamt fahren. Alles Weitere sollte eine Formsache sein. Endlich kommt unsere Odyssee zu einem guten Ende!